Der Serien Lust, des Kinos Frust

Die Fernsehserie gilt als das neue Nonplusultra filmischen Erzählens. Das sogenannte Qualitätsfernsehen wird im Feuilleton nicht nur als die „mediale Droge unserer Zeit“ bezeichnet, sondern fordert zudem die Unterlassung sämtlicher begleitender Tätigkeiten geradezu diktatorisch ein („Bügeln geht nicht mehr“). In dem ebenso klugen wie leidenschaftlichen Band von Alan Sepinwall heißt es schließlich „Die Revolution war im Fernsehen“ und so herrscht weitestgehende Einigkeit, dass „The Sopranos“ (sowie die im direkten Vergleich deutlich weniger rezipierte Serie „OZ“) als Dosenöffner in ein neues Stadium der qualitativen und komplexen Erzählweise fungierten. Das Aufbrechen überkommener Strukturen, eine neuartige Kompromisslosigkeit im Umgang mit den Figuren und dem Zuschauer gegenüber wurden forthin zu essentiellen Bestandteilen hochgelobter Serienkost.

Fraglich jedoch, wie lange das Präfix „Fernseh-“ der Serie jedoch noch vorangestellt werden wird. Denn auch wenn klassische Fernsehanstalten und deren Produktionen nicht unmittelbar vor ihrem Ende stehen, rollt bereits die nächste Revolution durch die multimediale Landschaft. Die Fernsehanstalt hat ihr Monopol als Produzent verloren. Streaming-Portale wie Netflix drängen mit Macht in den Vordergrund und brechen etablierte Strukturen auf. Sie profitieren dabei unzweifelhaft von dem anhaltenden Erfolg der Fernsehserie und der damit verbundenen hohen Nachfrage des Publikums. Dies ermöglicht Eigenproduktionen, die qualitativ auf Reverenzniveau spielen können. Serien wie „House of Cards“ oder „Orange is the new black“ sind selbstverständliche „Emmy-„ oder „Globe“-Kandidaten und wer hätte vor einigen Jahren gedacht, dass eine Amazon-Eigenproduktion wie „Transparent“ aus dem Stand zwei Golden Globes abzuräumen vermag?

Zweifelsohne geht dieser Erfolg zu Lasten des Kinofilms. Der „Mythos Kino“ erodiert – und dies aus gutem Grund. Intelligentes Kino – obschon noch vorhanden – ist mehr und mehr die Ausnahme. Das etablierte Blockbuster-Kino schaufelt sich strukturbedingt sein eigenes Grab. Das Prinzip der Fortsetzung als Mittel sicherer Einnahmequelle geht auf Kosten der Kreativität. Ein Großteil des Kinoprogramms setzt sich aus Sequels, Prequels und Adaptionen zusammen und vernachlässigt dabei die eigentliche Stärke des Spielfilms, nämlich das auf neunzig bis hundertzwanzig Minuten verdichtete Erzählen von in sich abgeschlossenen Geschichten. Stattdessen verbirgt sich im redundanten Feuerwerk der Spezialeffekte auf der erzählerischen Ebene ein fader Brei beliebiger Belanglosigkeiten. So braucht es schon den Blick auf die Filmschaffenden unterhalb des Blockbusterkinos, um zu erkennen, dass es natürlich auch noch anders geht. Gleichwohl: „The trend is your friend“ und somit ist davon auszugehen, dass sich der Siegeszug der Qualitätsserie noch auf unbestimmte Zeit fortsetzen wird.

Dabei scheint die Saat für den Abwärtstrend bereis gesät. Im Rausch des Erfolgs schlummert zumindest die Gefahr zur Beliebigkeit und Übersättigung. So werden immer mehr Serienformate aus dem Boden gestampft, die als Fortsetzung oder Neuinterpretation bereits bekannte Stoffe aufbereiten. „Bates Motel“ erzählt Hitchcocks „Psycho“ neu. „Gotham“ nimmt sich der Vorgeschichte Batmans an, „Hannibal“ lässt Dr. Lecter zurückkehren. Selbst Robert Rodriguez‘ Trashorgie „From Dusk Till Dawn“ wird als Serie wiedergeboren. Das überragende Qualitätsniveau der letzten Jahre steht indes völlig außer Frage. Serien wie „The Wire, „Six Feet Under“, „Game of Thrones“, „Mad Men“, „The Walking Dead“ oder allen voran „Breaking Bad“ definieren, bestätigen und entwickeln die Standards erzählerischer Komplexität. Daneben etabliert sich mit der Anthologieserie ein neues altes Format, das – wenn man so will – das beste zweiter Welten miteinander verbindet. „True Detective“ oder auch „Fargo“ ermöglichen dichte Erzählung auf zeitlich begrenztem Raum und schlagen die Brücke zwischen Serie und Kinofilm.

Nicht zuletzt wandelt sich die Form der Rezeption. In einer viel beachteten Rede von Kevin Spacey, dem Hauptdarsteller von „House of Cards“, forderte dieser:

„Give people what they want, when they want it, in the form they want it in, at a reasonable price, and they’ll more likely pay for it rather than steal it. Well, some will still steal it, but I believe this new model can take a bite out of piracy.“

Die Zeiten, in der das Publikum sich zu einer festgelegten Uhrzeit vor dem Fernsehgerät versammelt, gehen dem Ende entgegen. „Binge-Watching“ ist das neue Schlagwort für den Trend zeit- und ortsunabhängiger Verfügbarkeit medialer Inhalte geworden. In Zeiten des Internets und sich im alltäglichen Leben auflösender nationaler Grenzen ist sofortige Verfügbarkeit mehr und mehr elementare Forderung des Publikums. Niemand möchte zwölf Monate auf die Ausstrahlung der neusten „Game of Thrones“ Episode im deutschen Free-TV warten, wenn diese bereits monatelang in den sozialen Netzwerken diskutiert wurde. Insbesondere in Deutschland war somit lange Zeit in Ermangelung legaler Alternativen der Rückgriff auf halbseidene Quellen notwendig, um an den neuen „Stoff“ zu gelangen. Erst in letzter Zeit verbessert sich diesbezüglich hierzulande die Situation. Netflix und andere reagieren auf diese Entwicklung und stellen sämtliche Folgen einer neuen Staffel ihrer Eigenproduktionen auf einen Schlag zur Verfügung.

Für den Zuschauer, beziehungsweise dem Kunden, ist dies ein Glücksfall. Das Fernsehen erweist sich zusehends als Vermittler und Gradmesser gesellschaftlicher Debatten auf hohem unterhalterischem Niveau. Bisweilen wird der Qualitätserie attestiert, der legitime Erbe des Romans zu sein. Unabhängig davon ist das Gespür zur Verdichtung, zur Komplexität und dem Willen zur feingliedriger Charakterzeichnung evident. Überdies lohnt ein Blick über den us-amerikanischen Markt hinaus. Auch im europäischen Fernsehen vollzieht sich der Trend zur hochwertigen Fernsehunterhaltung: „Sherlock“, „Downton Abbey“ oder etwa die dänischen Produktionen „Kommissarin Lund“ oder „Borgen“ sprechen diesbezüglich eine deutliche Sprache. Selbst in Deutschland ist trotz verkrusteter Senderstrukturen erstaunliches zu entdecken: „Im Angesicht des Verbrechens“ oder „Der Tatortreiniger“ zeigen, was möglich ist.

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